Kollektive Identitäten in pfadfinderischen Gemeinschaften

Kollektive Identitäten in pfadfinderischen Gemeinschaften – Adoleszenz junger Frauen im Spannungsfeld von Zugehörigkeit und Emanzipation?

Kira Nierobisch M.A., Mainz

Tagungsband 2012, S. 91-107


Zusammenfassung:

Im Zentrum des Vortrages steht die Frage nach der Relevanz und Integration von Gemeinschaftserfahrungen in der Biografie und im Identitätsbildungsprozess junger Frauen. Exemplarisch werden Untersuchungsergebnisse präsentiert, die aus den Auswertungen narrativer Interviews mit Frauen resultieren, die viele Jahre als Leitungen in Jugendverbänden innerhalb des bündischen Kontextes aktiv waren. Das prozessanalytische Verfahren des narrativen Interviews nach Fritz Schütze ermöglicht einen Einblick in die Genese biografischer und sozialer Prozesse. Dabei werden die Sinnkonstruktionen und Handlungen aus der Perspektive der handelnden Individuen erfasst, analysiert und auf Theorien postmoderner, (kollektiver) Identitäten (Keupp) und gesellschaftlicher Gemeinschaftsdiskurse (Bauman) zurückgeführt.

Die Kultur des bündischen Feldes ist von einem hohen Maß an persönlichem Engagement und Gruppenzugehörigkeit geprägt. Dieser Aspekt der Kollektivität scheint den postmodernen Thematiken von Pluralisierung und Individualisierung diametral gegenüberzustehen. Dementsprechend widmet sich die Präsentation der Frage, wie sich Identitätsbildungsprozesse im bündischen Kontext vollziehen und ob, bzw. wie es gelingen kann die Lernräume innerhalb dieser homogenen Gruppen zu öffnen und die Lernprozesse gesellschaftlich zu transformieren. Die Beantwortung geschieht sowohl auf individueller Ebene als auch auf institutioneller Ebene.

Individuell steht das Konzept der Biografie nach Winfried Marotzki im Vordergrund. Dabei beinhaltet es zum einen die Dimension der Identitätsdebatten im Übergang von Moderne zu Postmoderne, in denen Identität unter den Aspekten „der umgebenden Gesellschaft in fortlaufendem Zeitfluss“ (Marotzki 2000: 148) als Biographie erfahren wird. Zum anderen betont es den Selbsterzeugungsprozess von Identitäten „als Dialektik des Individuums zwischen Selbstbildung und Weltaneignung“ (Marotzki 2000: 181). „Biographie“ umfasst jedoch nicht nur die Individualität von Lebensgeschichten, sondern auch die in ihnen sich wiederspiegelnden gesellschaftlichen und institutionellen Normierungen in der Gleichzeitigkeit von subjektiven und strukturellen Dimensionen.

Auf der institutionellen Ebene verweist der Vortrag auf die Inklusions- und Exklusionsstrategien der beteiligten Gruppierungen und zeigt den dialektischen Charakter von „Gemeinschaft“, in der Identität gebildet wird und die sich selbst darüber immer wieder neu erschafft auf. Die Analyse von Merkmalen, Instrumenten und Wirkweisen von Gemeinschaft offenbart gleichzeitig die Relevanz eines machtkritischen Diskurses.

Der Ausblick des Vortrages konzentriert sich auf die Gelingensfaktoren für einen gesellschaftlichen Transfer. Hierzu zählen neben organisatorischen Bedingungen i.S. eines gatekeepings vor allem individuelle Lern- und Deutungsmuster i.S. einer biografischen Haltung der „inneren Kollektivität“.

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