Scoutisch, bündisch, erotisch/homoerotisch. Nähe und Distanz in den pfadfinderischen Beziehungsformen

 

Sven Reiß M.A., Kiel

 

Gliederung

  1. Problemaufriss / Hintergründe des Vortrags
  2. Grundannahmen / Definitionen
  3. Jugendkulturelle Eigenlogiken: scoutisch, bündisch
  4. Jugendkulturelle Eigenlogiken: erotisch, homoerotisch
  5. Fallbeispiele im historischen KontextBedingungen für einen Grenzen wahrenden Umgang
    1. Weimarer Republik / „Die bündische Zeit“
    2. Junge Bundesrepublik /Adenauerära
    3. 1970er Jahre / Sexuelle Emanzipationsbewegungen
  6. Entzauberte Pfadfinderei? Bedingungen für einen Grenzen wahrenden Umgang

Literatur (Auswahl)

Die Tagungsbände der vergangenen Fachtagungen Pfadfinden 2010, 2012 und 2014 sind nicht extra aufgelistet, sie enthalten jedoch mehrere zur Thematik wertvolle Aufsätze.

 

Blüher, Hans: Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen Inversion. Berlin 1912.

 

Blüher, Hans: Die Rolle der Erotik in der Männlichen Gesellschaft. 2 Bd. Jena 1917/19.

 

Bruns, Claudia: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934). Köln, Weimar, Wien 2008.

 

Bundschuh, Claudia: Pädosexualität. Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen. Opladen 2001.

 

Feddersen, Jan: „Schlüssel zu einer besseren Welt.“ Die Schwulenbewegung hat stets zum Thema sexueller Missbrauch geschwiegen -warum nur? Historische Erkundungen. In: Sabine Andresen, Wilhelm Heitmeyer (Hg.) Zerstörerische Vorgänge. Missachtung und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Institutionen. Weinheim, Basel 2012, S. 243-250.

 

Gaus, Detlef / Reinhard Uhle: Pädagogischer Eros. In: Wolfgang Keim, Ulrich Schwerdt (Hg.): Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland (1890–1933)., 2 Bd. Frankfurt am Main 2013, Bd. 1, S.559-575.

 

Geuter, Ulfried: Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Jungenfreundschaft und Sexualität im Diskurs von Jugendbewegung, Psychoanalyse und Jugendpsychologie am Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1994.

 

Glöer, Nele/Irmgard Schmiedeskamp-Böhler: Verlorene Kindheit. Jungen als Opfer sexueller Gewalt. München, 1990.

 

Hargrave, John: Stammeserziehung. (=Bücher der Waldverwandschaft Bd.IV/V). Berlin, 1922.

 

Reulecke, Jürgen: „Ich möchte einer werden so wie die…“ Männerbünde im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main / New York 2001.

 

Sternweiler, Andreas: „Und alles wegen der Jungs.“ Pfadfinderführer und KZ-Häftling Heinz Dörmer. Berlin 1994.

 

Stompe, Thomas: Sexueller Missbrauch, Pädosexualität und Kultur. In: Thomas Stompe u.a. (Hg.) Sexueller Kindesmissbrauch und Pädophilie. Berlin 2013, S. 15-34.

 

Wyneken, Gustav: Eros. Lauenburg 1921.

I Problemaufriss / Hintergründe des Vortrags

2010 Gründung des Arbeitskreises „Schatten der Jugendbewegung“ zur Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt in jugendbewegten Gruppierungen. Auslöser war das parallele Bekanntwerden verschiedener sexueller Missbrauchsfälle sowohl im jugendbewegten Kontext als auch durch jugendbewegt geprägte Personen. Enge Verbindung von Präventionsarbeit, Aufarbeitung und direkten Bezügen zu jugendbewegten Gruppen, um so zur Jugendbewegung passende Präventionskonzepte zu entwickeln. Seit 2010 Gruppenleiterschulungen, Fachfortbildungen und Netzwerktreffen. Sämtliche Mitglieder des Arbeitskreises stammen aus jugendbewegten Gruppen und sind diesen Verbunden. Neben diesem an die Jugendburg Ludwigstein angegliederten Arbeitskreis bestehen besonders in den größeren Bünden bereits seit einigen Jahren eigenständige Arbeitskreise gegen sexuellen Missbrauch.
http://www.jubi-ludwigstein.de/jugendbewegung/schatten-der-jugendbewegung/

Seit 2013 eigenes Dissertationsprojekt in Europäischer Ethnologie/Volkskunde (Kiel) unter dem Arbeitstitel „Päderastie in der deutschen Jugendbewegung. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung“. Welche spezifischen Legitimationsmöglichkeiten konnten innerhalb der Bünde genutzt werden? Wie formierten und transformierten sich diese vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext? Welche Idealbilder korrelierten mit welchen Alltagspraxen?
https://www.europaeische-ethnologie-volkskunde.uni-kiel.de/de/abstract

II Grundannahmen

  • Das Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Erwachsenen zu Kindern- und Jugendlichen ist gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen der Normierung in legitime und illegitime Beziehungsformen unterworfen und kann sich demnach stets wandeln.
  • Subkulturen / Alternativkulturen können von diesen gesamtgesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen und eigene Idealbilder entwickeln. Diese sind sowohl durch die Auseinandersetzung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten bestimmt als auch durch Aneignung subkulturell überlieferter Vorstellungen und Leitbilder, konkreter Erfahrungen und eigener Geschichtsdeutungen. (Eigenlogiken)
  • Jugendkulturelle Eigenlogiken und historisch-gesellschaftliche Kontexte bestimmen Vorstellungen und Praktiken (homo-)erotischer Beziehungsformen innerhalb der Jugendbünde und schaffen Legitimationsmöglichkeiten für sexuell-päderastische Kontakte.
  • Der Begriff der Päderastie verweist auf die kulturelle Bedingtheit von erotisch/sexuellen Beziehungsformen zwischen Erwachsenen Männern zu Jungen im Pubertätsalter.
    Päderastie (griech. paiderastia): „Knabenliebe“ (pais = der Knabe, erastes = der Liebhaber)
  • Der Begriff präzisiert: 1. Kulturell verankerte Beziehungsform 2. Auf männliche Jugendliche im Pubertätsalter bezogen 3. Päderastie umfasst sowohl eine sexuelle Beziehungsform als auch eine erotisch-sinnlich Form mit erzieherische Funktion – damit ist der Begriff weit gefasst und kann eine dichte Beschreibung auch des vorsexuellen Raumes ermöglichen.

III Jugendkulturelle Eigenlogiken : scoutisch, bündisch

(Idealtypisch vereinfacht, Auswahl)

Weltpfadfinderbewegung „Scoutisch“

Deutsche Jugendbewegung „Bündisch“

Erziehungsansätze / Führungsvorstellungen

Explizit vertretener Erziehungsansatz

Indirekt vertretener Erziehungsansatz

Gruppenleitung prinzipiell erlernbar

Führung durch „Charisma“

Strukturell abgesicherte Führungsautorität

Klare Leitungsstruktur (stärker ausgeprägt)

Strukturell abgesicherte Führungsautorität

(meist) klare Leitungsstruktur

„Jugend führt Jugend“?

Jugend führt Jugend“?

Strukturelle Bedingungen

Stände/Stufensystem

-         Altersgetrennte Gruppen

-         Persönliche Entwicklungsstufen

Tendenziell eher altersgemischte Gruppen, weniger ausgeprägte Stufenordnung

Handlungsnormen und jugendkulturelle Selbstverständnisse

Gesetz & Versprechen

Meißnerformel (Jugendautonomie)

Idealisierung der Gemeinschaft

Initiationsriten

Verpflichtung auf die Gemeinschaft, teilweise auch auf den Gruppenleiter/Gruppenführer

Idealisierung der Gemeinschaft

Initiationsriten

Verpflichtung auf die Gemeinschaft, teilweise auch auf den Gruppenleiter/Gruppenführer

Historisch: Einfluss von Männlichkeitszuschreibungen und Männerbundideologien

Historisch: Einfluss von Männlichkeitszuschreibungen und Männerbundideologien

Idealisierung von Jugend

Leistungsanspruch an die Jugend, eine bessere Zukunft zu schaffen / elitärer Anspruch

Pfadfinder als „Ritter der Neuzeit“

Idealisierung von Jugend

Leistungsanspruch an die Jugend, eine bessere Zukunft zu schaffen / elitärer Anspruch

Ideal des „Neuen Menschen“

Tlw. hohe ästhetische Verklärung von „Jugend“

Historisch: Bürgerliche Antwort auf Unbehagen an der Moderne / Zivilisationskritik (damit grundsätzliche Offenheit für von der gesellschaftlichen Norm abweichende Gesellungsformen, jedoch durch betonte Bejahung der bestehenden Ordnung – Pfadfindergesetz – weniger ausgeprägt)

Historisch: Bürgerliche Antwort auf Unbehagen an der Moderne / Zivilisationskritik (damit grundsätzliche Offenheit für von der gesellschaftlichen Norm abweichende Gesellungsformen, starke Offenheit für Alternativbewegungen, teilweise deutlich ausgeprägter antibürgerlicher Habitus)

IV Jugendkulturelle Eigenlogiken II: erotisch, homoerotisch

  • Erotik verstanden als sinnliche Anziehung / sinnliches Begehren
  • Umfangreicher Diskurs um Erotik bzw. „Eros“ innerhalb der Pädagogik (20. Jhd.)
  • Problem: Eros als Erziehungsideal durch Bezug auf Antike (Päderastie) stets verbunden mit männlichen Hegemonialvorstellungen (vgl. Bruns 2008) und prinzipiell möglicher sexueller Komponente (Bspl. Gustav Wyneken) „Eros ist dasjenige, was der Sexualität (die immer mit ihm verbunden ist) ihren Sinn erteilt.“ (Blüher: Führer und Volk, 1924, S.17)
  • „Männerbund“: Nicht „Familientrieb“, sondern männlicher „Geselligkeitstrieb“ Ursache für die Herausbildung sozialer Gesellschaften - Heinrich Schurz (1863-1903), Ethnologe, 1902 „Altersklassen und Männerbünde“.
  • Weiterentwicklung der Männerbundideologie bes. durch den aus dem Wandervogel stammenden Hans Blüher (1888-1955): Ursache männlicher Geselligkeit sei Homoerotik, die Wandervogelbewegung „Träger und Wiedererweckter des Eros paidikos“ (Blüher: Werke und Taten, 1920., S.121).
  • Gesellschaftliche Hintergründe um 1900 u.a. Frauenbewegung, Psychoanalyse, Zivilisationskritik, bürgerliche Antikenrezeption (u.a. Aktfotograf Wilhelm von Gloeden), Homosexuellenbewegung.
  • Jugenderotik innerhalb der Peergroup vs. Päderastie als eine sich am antiken Vorbild des „pädagogischen Eros“ orientierende intergenerationelle Beziehungsform: Vorbild für Hans Blüher war der Wandervogelführer Wilhelm Jansen, genannt „Onkel Willi“ (Jg. 1866).

V Fallbeispiele

 

  1. Weimarer Republik / „Bündische Zeit“: Stammeserziehung

 

  • Kibbo Kift (John Hargrave) / Woodcraft (E.T. Seton)
  • Stark Irrational und Zivilisationskritisch
  • Stammeserziehung als Rückgriff auf Vorstellungen archaischer Gesellschaften und ethnologischer „Stammesgesellschaften“ inkl. Männerbundvorstellungen
  • Idealisierung des „reinen Knabenkörpers“ (u.a. Freikörperkultur)
  • = prinzipiell nicht sexuell, Beispiel für Legitimationsmöglichkeiten

 

b. „Jungenleben“: Pfadfinden als Moratorium vor dem anderen Geschlecht in der Adenauerära der jungen Bundesrepublik

 

  • Postulierung sexueller „Reinheit“ gegenüber dem anderen Geschlecht:
  • Einfluss päderastisch/pädosexuell orientierter Männer auf die Bünde (Idealisierung „Bündischer Umtriebe“ in der NS-Zeit, kriegsgezeichnete Führungsgeneration, vaterlose Jugend, §175)
  • Bspl. Heinz Dörmer (1912-2001; Erhard Günzler (1921-2008)

 

c. Pfadfinder, pädophile Emanzipationsbewegung und sexuelle Revolution

 

  • Gesellschaftliche Kontext: sexuelle Liberalisierung, Abmilderung des §175, Aufhebung des Pornographieverbots, Entdeckung kindlicher Sexualität
  • Pfadfinder und Pädophilenbewegung
    • Pfadfinderleben als erotischer Sehnsuchtsraum pädosexuellorientierter Menschen (= erotisch-sexuelles Begehren fixiert auf Kinder bzw. tlw. Jugendliche im Pubertätsalter)
    • „Pimpfe als Ware“ – Knabenakte zwischen Kunst, FKK und Posing

 

(VI) Entzauberte Pfadfinderei? Bedingungen für einen Grenzen wahrenden Umgang

  • Dekonstruktion des „pädagogischen Eros“ als scheinbar asexuelle Beziehungsform
  • Offenlegung der Unterschiede zwischen Homoerotik als Adoleszensphänomen, Homo- und Bisexualität als Sexualpräferenz und intergenerationeller (homo-)Erotik / (homo) Sexualität als prinzipiell auf Machtstrukturen sowie Wissens- und Erfahrungsgefälle aufbauender, grenzverletzender Ungleichheit.

Historische Aufarbeitung, auch und damit pfadfinderischer „Zauber“ durch Enttabuisierung der Gefahrenmomente weiter gelebt werden kann.

 

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