WS 1 - Grenzverletzungen und Missbrauch in der Jugendbewegung

 

Annemarie Selzer, Jugendbildungsstätte Burg Ludwigstein, Arbeitskreis Schatten der Jugendbewegung

In dem Workshop soll es darum gehen, an Hand von Beispielen aus der jugendbewegten Geschichte zu verdeutlichen, in welchen Formen es sexuellen Missbrauch in der Jugendbewegung gegeben hat.
Es ist oft für Menschen, die eine eigene Zugehörigkeit zu jugendbewegten Gruppen haben, oder hatten, schwer nachzuvollziehen, dass und in welchem Umfang es dort zu Missbrauch gekommen ist.
Die einfache Variante ist, sich zu erklären, dass es randständige Personen und Ausnahmen waren, die so was getan haben.
Mit Auszügen aus Zeitschriften, Bildmaterial und Erlebnisberichten möchte ich einen Einblick geben, dass Missbrauch keinesfalls ein Randphänomen war, sondern in vielen Teilen der Jugendbewegung den Alltag prägte.
Sexueller Missbrauch in der Jugendbewegung traf vor allem Jungen. Schon bei Hans Blüher und Gustav Wyneken in den Anfangszeiten der Bewegung wurde mit dem Rückgriff auf die griechische Ideengeschichte des „pädagogischen Eros“ der Grundstein für eine Legitimation von sexuellen Kontakten von Erwachsenen „Lehrmeistern“ zu ihren „Zöglingen“ gelegt und bei Hans Blüher als das zentrale Element einer gut funktionierenden Gruppe dargestellt.
In wie weit es in Gruppen, in denen das „bündische Geheimnis“ besonders intensiv beschworen wurde, auch besonders viel sexuelle Kontakte/sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gab, wäre in Zukunft gründlich zu untersuchen.
Das meiste Material, mit dem wir in dem Workshop arbeiten werden, stammt aus der Zeit der 70er und 80er Jahre. In diesem Zeitraum gab es viele Überschneidungen zwischen sexuellem Missbrauch in der Jugendbewegung, der mit einer Verklärung und Idealisierung des schönen Knaben einherging, und der Pädophilenszene in Deutschland.
Man kannte sich aus der Jugendbewegung und organisierte sich in anderen, gesellschaftlichen Zusammenhängen für die Legalisierung von Sexualität mit Kindern.
In allen gesellschaftlichen Bereichen, in denen es seit 2010 zu Aufdeckung und Aufarbeitung von sexueller Gewalt kam, tauchten jugendbewegte Täter auf. Angefangen von der Odenwaldschule, über den Kinderschutzbund und die Alternative Liste in Berlin.
Bisher weniger bekannt ist, dass jugendbewegte Bilder zum Beispiel von Lothar Sauer oder von Sepp Bestler (Illustrator Silberspring, Liederbuch des Zugvogels) nicht nur im Eisbrecher abgedruckt wurden, sondern auch in eine andere Szene, nämlich der Pädophilenszene verkauft wurden, als legale Bilder schöner Knaben. So gelangten diese Bilder vermutlich über den Weg von Kanada und dem azov Verlag auch auf den Rechner von Herr Edathy und werden heute mit dem Begriff Posingbilder umschrieben.
Der Workshop kann nur einen ersten Einblick geben, in die Verquickungen von Pfadfinder- und Jugendbewegung und Päderasten.
Ich werde in dem Workshop bewusst nah und parteilich an den Erlebnisberichten Betroffener arbeiten, weil sich in den Schilderungen der Betroffenen die riesige Diskrepanz zeigt, zwischen der Verklärung des „pädagogischen Eros“ als erziehrischem Ideal und zugleich Legitimationsstrategie für sexuelle Gewalt, und der zerstörerischen Kraft, die hinter diesem Missbrauch für die Jungen steckt - und zwar für ihr gesamtes folgendes Leben!

Quellen und genutztes Material:
• Eisbrecherhefte: „Silberne Reihe“ Ausgabe 70 1975 bis Ausgabe Nr 92 1981
• anonymisierte Erlebnisberichte von Betroffenen
• Material aus dem Verlag: PojkArt Jugend in der Kunst Lübeck
• Solidaritätsbekundung (wurde uns zugespielt)
• Brief von W. Helwig (wurde uns zugespielt)
• Christian Füller: „Sündenfall, Wie die Reformpädagogik ihre Ideale missbrauchte
• Christian Füller: „Die Revolution missbraucht ihre Kinder- Sexueller Missbrauch in deutschen Protestbewegungen“
• Bildmaterial von Otto Lohmüller, Lothar Sauer u.a. welches über den Versandt PojkArt bestellt wurde.
• Zeitungsartikel taz 2012 über sexuellen Missbrauch auf Burg Balduinstein 2012

 

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