WS 2 - Pfadfinden ist nichts für Weicheier: Grenzverletzungen als pfadfinderische Alltagskultur?

 

Dr. Tim Gelhaar, Kassel

 

Abstract:

Was sind (sexuelle) Grenzverletzungen?


Grenzverletzungen sind alle Verhaltensweisen, die persönliche Grenzen überschreiten. Sie sind i.d.R. nicht strafrechtlich relevant, ansonsten spricht man von Übergriffen oder Missbrauch.  Eine
Grenzverletzung ist ein einmaliges oder gelegentliches unangemessenes Verhalten, das nicht selten
unbeabsichtigt geschieht. Die Unangemessenheit des Verhaltens ist nicht nur von objektiven
Kriterien, sondern auch vom subjektiven Erleben der betroffenen Person abhängig. Das heißt, was für
eine Person grenzverletzend ist, kann für eine andere Person unproblematisch sein.
Grenzverletzungen können aufgrund von unterschiedlichen Empfindungen von Nähe und Distanz oder
durch Unkenntnis bzw. Nichtbeachtung von Verhaltensregeln entstehen. Sie sind häufig die
Folge fehlender Perspektivenübernahme  einzelner Personen oder eines Mangels an konkreten Regeln
und Strukturen. Grenzverletzungen werden sowohl von Gleichaltrigen als auch Erwachsenen (z.B.
Gruppenlei- tungen) verübt. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen nicht um
„Täterpersönlichkeiten“, sondern um „normale“ Gruppenmitglieder oder Leitungspersonen, die sich über die Folgen ihres Handelns für die Betroffenen oft nicht bewusst sind.
Im pädagogischen Alltag sind Grenzverletzungen nicht völlig vermeidbar. Wichtig ist daher, ein
Konzept zu haben, wie man mit Grenzverletzungen umgeht.

Grenzverletzungen und Pfadfinden

Beispiele für Grenzverletzungen im Kontext Jugendarbeit:

  • Missachtung  persönlicher Grenzen (z. B. tröstende Umarmung, obgleich dies dem Gegenüber unangenehm ist),
  • Missachtung  der Grenzen der professionellen Rolle (z. B. Gespräch mit Minderjährigen über das eigene Sexualleben),
  • Missachtung von Persönlichkeitsrechten (z. B. Verletzung des Rechts auf das eigene Bild durch Veröffentlichung von Bildmaterial über Handy oder im Internet; Kränkungen durch Lustigmachen),
  • Missachtung der Intimsphäre (z. B. Umziehen in der Sammelumkleide eines Schwimmbads, obwohl sich ein Mädchen oder ein Junge nur in der Einzelkabine umziehen möchte).

Aktivitäten und Aktionsformen im pfadfinderischen Kontext sind strukturell anfällig für
Grenzverletzungen. Sensible Situationen/Kontexte sind zum Beispiel:

  • Verletzung von Grundbedürfnissen (z.B. Schlaf durch nächtliche Überfälle, aus dem Schlafsack holen; keine Gelegenheit zum ungestörten Toilettengang)
  • Aufnahme- und Übergangsrituale (Mutproben, Ekelaufgaben)
  • (Bestrafungs-)Rituale (Pflocken, Fesseln)
  • Einjagen von Angst durch Drohungen oder Herstellen Angst einflößender Situationen (nachts allein im Wald)
  • Spiele, die Bloßstellen, Entkleiden oder starken Gruppendruck beinhalten (z.B. Kleiderkette)
  • Unreflektiert gesungenes Liedgut, das sexistische oder rassistische Elemente enthält

Der kleinen Gruppe, wie sie im pfadfinderischen Kontext üblich ist, kommt dabei eine besondere
Bedeu- tung zu. Aufgrund ihrer Struktur kann sie dabei sowohl ein abgeschlossener Gefährdungsraum
als auch ein positiver Schutzraum sein, in dem sich vertraute Menschen aufeinander achten.
Von pädagogischen Laien werden der grenzverletzende Charakter und auch der Gewaltanteil ritueller
Handlungen meist nicht auf den ersten Blick erkannt. Spaß und Ernst liegen bei Ritualen, Mutproben
und auch Gruppenspielen oftmals nahe beieinander.
Teilweise werden Grenzverletzungen in pfadfinderischen Gruppen auch bewusst begangen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass dies den besonderen und herausfordernden Charakter einer Aktion
unterstreicht und im Nachhinein zu einer besonders starken Verbindung beiträgt. Nachträgliche
Verklärungen halten die grenzverletzenden Praktiken zusätzlich aufrecht.
Herausforderung: Pfadfinden will, dass junge Menschen an ihre Grenzen gehen und diese auch überwinden, gleichzeitig  will es einen Schutzraum bieten.

Kultur der Grenzverletzungen

Haben wiederholte Grenzverletzungen keine Folgen für die Verursacher, kann dies zu einer Kultur der
Grenzverletzungen führen. Diese entwickelt sich, wenn sich Erwachsene oder Jugendliche über gesell-
schaftliche/kulturelle Normen, institutionelle Regeln, den Widerstand der Opfer und/oder fachliche
Stan- dards wiederholt und andauernd hinwegsetzen.
Untersuchungen von Missbrauchsfällen in Jugendverbänden und -vereinen haben gezeigt, dass diese
häu- fig in einem grenzverletzenden Klima entstehen. Wenn individuelle Grenzen wiederholt und
systematisch verletzt werden, wenn es bei Grenzverletzungen keine Sanktionen oder pädagogische
Interventionen gibt, ist das ein wesentlicher Risikofaktor für Missbrauch. Pädosexuelle Täter
nutzen dies aus, in dem sie be- obachten, welche Mädchen und Jungen in der Lage sind, ihre Grenzen
selbstbewusst zu vertreten, und wer weniger widerstandsfähig und somit ein potentielles Opfer ist.

Das Risiko einer „Kultur der Grenzverletzungen“ ist besonders groß, wenn

  • stark autoritäre bzw. unklare Leitungsstrukturen bestehen,
  • Grenzen zwischen persönlichen und beruflichen Kontakten zwischen pädagogischen Mitarbeiten den und Kindern/Jugendlichen nicht ausreichend geachtet werden,
  • die Achtung der Rechte von Mädchen und Jungen auf Selbstbestimmung und Privatsphäre nicht klar kommuniziert sind, z.B. im Rahmen eines Kodex oder einer Dienstanweisung,
  • kein klares, schriftlich fixiertes Regelwerk innerhalb der Institution  besteht,
  • es kein klar strukturiertes Beschwerdemanagement gibt,
  • die Partizipation von Mädchen und Jungen vernachlässigt wird.

Prävention von Grenzverletzungen

Grenzverletzungen lassen sich im Miteinander von Menschen nicht vermeiden. Im pädagogischen Alltag
kommen sie ungleich häufiger vor als massive Übergriffe oder Missbrauch. Auch Grenzverletzungen
kön- nen zu psychischen Belastungen und Verstörungen führen und passen nicht mit unserem
Selbstverständ- nis zusammen, Kindern und Jugendlichen einen Schutzraum bieten zu wollen. Folglich
ist es wichtig, sich als Jugendverband mit Grenzverletzungen auseinanderzusetzen und Strategien für
den Umgang damit zu entwickeln. Dabei geht es nicht um eine übertriebene Verbotskultur oder
realitätsferne Regulationswut, sondern um eine angemessene und nüchterne Auseinandersetzung und
Sensibilisierung. Entscheidend ist, der Kultur der Grenzverletzungen eine Entschuldigungskultur und eine Kultur der Achtsamkeit entgegenzusetzen. Eine Kultur der Achtsamkeit  ist eine Lebenseinstellung, die aus gemeinsamen Überzeugungen, Werthaltungen und Regeln besteht. Dazu gehört:

  • Genaues Hinsehen; Dinge, die einem komisch vorkommen, dürfen und sollen angesprochen werden; „Wach durch’s Leben gehen“
  • Entschuldigungskultur leben
  • Grenzüberschreitungen nicht tabuisieren, dulden oder vertuschen, sondern thematisieren
  • Sensibilisierung/Schulung von Leitungspersonen
  • Leitung muss auf Grenzverletzungen situationsangemessen reagieren (kann ein pädagogisches Gespräch oder eine Sanktionierung sein)
  • Rechte von Kindern und Erwachsenen müssen bekannt sein (auch den Kindern!) und respektiert werden
  • Eigenes Verhalten reflektieren
  • Perspektivenübernahme üben
  • Diskussionskultur fördern

In pfadfinderischen Bezügen bedeutet dies auch, dass Rituale, Spiele und Traditionen reflektiert
und aus einem anderen Blickwinkel bewertet werden. Eine Kultur der Achtsamkeit  will nicht den Spaß
bremsen und Liebgewonnenes verbieten, sondern sie will, dass Bestehendes reflektiert und ggf.
angepasst wird. Beson- ders erfolgreich sind keine isolierten und begrenzten Maßnahmen, sondern ein
Umdenken im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowie mit uns selbst.
Für den Bereich absichtlicher  Grenzverletzungen ist darüber hinaus besonders wichtig, dass klare
und transparente Regelungen und Sanktionierungen beschrieben sind, bekannt sind und auch Anwendung finden. Dazu gehört auch, dass es ein Beschwerdemanagement gibt.
Neben strukturellen Maßnahmen sind pädagogische Maßnahmen wichtig: Dazu gehört, mit Kindern und
Jugendlichen alters- und kontextangemessen  über Grenzen und Grenzverletzungen, über ihre Rechte
so- wie Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen zu sprechen.

Zur Bedeutung von Ritualen

Rituale bieten Sicherheit und Struktur. Sie unterstützen die Entwicklung des Menschen und sind in jeder Altersphase wichtig.

Funktionen von Ritualen im pfadfinderischen Kontext:

  • Rituale sind wichtig für Identitätsprozesse. Sie bestätigen, dass jemand zu einer Gemeinschaft gehört und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl.
  • Übergangsrituale machen deutlich, dass eine einzelne Person oder eine ganze Gruppe etwas Neues erreicht hat, z.B. in eine neue Stufe aufgenommen ist.
  • Rituale können ein gestörtes Gruppenleben wieder herstellen (Versöhnungsritual).
  • Rituale verdeutlichen Regeln und Normen; sie können Hierarchien verdeutlichen.

Rituale sind pfadfinderische Alltagskultur.  Sie kennzeichnen sowohl die wöchentlichen
Gruppenstunden als auch seltene oder einmalige Ereignisse wie Aufnahmen oder Stufenübergänge.
Problematisch ist es, wenn Rituale inhaltlich nicht mehr reflektiert werden und grenzverletzende
oder sogar übergriffige Elemen- te beinhalten. Gerade ritualisierte  Handlungen werden oft in ihrer
Wirkung nicht hinterfragt bzw. aus dem ansonsten gültigen Wertekanon einer Organisation
herausgenommen.
Auch wenn es das Wesen von Ritualen ist, dass sie überdauernd sind, ist es über die Zeit hinweg
nötig, sie an veränderte Umstände und Bedürfnislagen anzupassen und regelmäßig auf ihre
Sinnhaftigkeit zu über- prüfen. Ziel ist es nicht, Rituale abzuschaffen, sondern so zu gestalten,
dass sie positiv und unterstützend sind und gleichzeitig nichts von ihrem Zauber und ihrer Besonderheit einbüßen.

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